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Nachdem sich der Staub der globalen Wirtschaftskrise des Jahres 2008 gelegt hatte, mussten Geschäftsführer die Tatsache akzeptieren, dass es ein „neues Normal“ gibt: eine Welt voller Nachfragevolatilität und Unsicherheit. Eine Welt, die von zunehmend komplexen Geschäftsmodellen mit Omnichannel- und digitalen Plattformen geprägt ist – entwickelt von neuen Mitbewerbern, die sich nicht mehr an die Spielregeln der Geschäftswelt des 20. Jahrhunderts halten wollen. Zu solchen Unternehmen gehört beispielsweise Amazon, die die Geschäftswelt durchstreifen und ständig auf der Suche nach einem Markt sind, in dem Margen „geklaut“ werden können.

In dieser Welt ist der Zeitfaktor so wichtig wie nie zuvor. Bei Lieferketten mit langen Durchlaufzeiten, unflexiblen Lieferanten und übermäßigen Beständen besteht das Risiko, dass die bestehenden Pläne zunichtegemacht werden. Unflexible Lieferketten bedeuten, dass die Nachfrage abgeebbt ist, bevor sie sich an die veränderten Gegebenheiten anpassen können.

Nichtsdestotrotz konzentrieren sich viele Unternehmen immer noch darauf, die Kosten zu senken und ihre Lieferketten zu verschlanken, statt flexiblere und überzeugende Wertversprechen zu entwickeln. Dies ist eine Einstellung, an der auch heutzutage noch viele festhalten. Ein Modell mit langen Durchlaufzeiten und Mindestbeständen funktioniert zwar, wenn die Nachfragemuster verstanden werden und sich nicht verändern, doch es setzt Unternehmen einem Risiko aus, sobald dies nicht mehr der Fall ist.

Um sich in dieser neuen Geschäftswelt zurechtzufinden, muss das Supply Chain-Team agiler werden und den Material-, Geld- und Informationsfluss verstehen. Es muss die Lieferkette steuern, um sicherzustellen, dass alles zum richtigen Zeitpunkt passiert, dass die Kunden zufrieden sind und dass weniger Ressourcen verschwendet werden. Um dies zu erreichen, muss jeder Akteur innerhalb der Lieferkette Zugang zu derselben „Quelle der Wahrheit“ haben und mit dieser arbeiten.

Transparenz ist zwar von wesentlicher Bedeutung, doch alleine reicht sie nicht aus. Zudem ist Flexibilität erforderlich, um Daten zu analysieren, Fragen zu stellen, zugrunde liegende Ursachen zu ermitteln, Alternativen zu untersuchen und deren Auswirkungen und involvierten Kosten zu verstehen – um so Erkenntnisse zu gewinnen, die zu effektiven Maßnahmen führen. Es müssen bewusste Entscheidungen getroffen und Alternativen verstanden werden, um Maßnahmen ergreifen zu können, die die Geschäftsergebnisse verbessern: Maßnahmen, die koordiniert sind und auf abgestimmte Weise bewertet werden; Maßnahmen, die sich auf vereinbarte, kundenorientierte Ergebnisse konzentrieren.

Wenn Sie Ihr Unternehmen auf Grundlage von Berichten zur vergangenen Leistung führen, werden Sie keinen Erfolg haben.

Betrachten wir nun den Control Tower eines Flughafens, um diese Alternative in Aktion zu sehen. Wenn die Flugsicherungszentrale wie eine normale Lieferkette arbeiten würde, würde sie den Plan für die nächste Woche (oder den nächsten Monat) aufstellen und anschließend den Erfolg messen, indem sie Berichte über die Bedingungen und die Pünktlichkeit der gelandeten Flugzeuge anfertigt. Wie viel Prozent der Flugzeuge sind ohne Unfall, pünktlich und mit unversehrten Passagieren an Bord gelandet? Wie viele Flugzeuge mit erfolgreicher Landung hatten wir eingeplant?

Natürlich sieht die Realität anders aus. Fluglotsen müssen einen Luftraum organisieren, der sich ständig ändert; einen Luftraum, bei dem es einfach nicht ausreicht, ihn sich selbst zu überlassen und sich nur auf eine Sache zu konzentrieren.

Fluglotsen müssen wissen, was gerade mit allen Flugzeugen passiert – mit Flugzeugen verschiedener Fluggesellschaften und unterschiedlichen Passagierzahlen und Treibstoffreserven. Sie müssen wissen, welche Flugzeuge nicht über ausreichend Treibstoff verfügen, um weitere Warteschleifen zu fliegen, und welche viele Passagiere an Bord haben, die einen Anschlussflug erreichen müssen. Sie müssen die Prioritäten und die Auswirkungen von Entscheidungen verstehen.

Sie benötigen komplette Transparenz, die Flexibilität, Dinge zu überprüfen, und die Befähigung, Maßnahmen zu ergreifen. Sie benötigen einen Control Tower – und genau den haben sie. Analog benötigt auch Ihre Lieferkette einen Control Tower – einen, der einen transparenten Überblick über seine Pendants zu den Flugzeugen in der Luft bietet. Diese Pendants können physische Bewegungen wie eingehende Lieferungen, Bewegungen zwischen verschiedenen Werken, Fertigungsaufträge, Lagerbewegungen oder Kundenlieferungen sein, aber auch Informationsflüsse, wie z. B. offene Bestellungen, geplante Bestellungen und Kundenaufträge, oder Finanzströme.

Die meisten Unternehmen haben jedoch nur einen transparenten Überblick über die „gelandeten Flugzeuge“. Zahlreiche Unternehmen haben viel Geld in BI-Tools investiert, die zum Ziel haben, den Überblick über ihre Geschäftsaktivitäten zu verbessern – und in einem gewissen Maße wurde dieses Ziel auch erreicht. Die Daten wurden visualisiert, „verschönert“ und in Grafiken und Analysen umgewandelt – aber hat dies auch einen Mehrwert geschaffen? Haben sie bessere Ergebnisse als vorher – oder einfach nur mehr Daten?

Um wirklich einen Unterschied zu machen, muss diese Transparenz durch Erkenntnisse unterstützt werden. Beispielsweise reicht es nicht aus, zu wissen, welche Bestellungen offen sind. Das sind lediglich Daten. Es reicht schon gar nicht aus, zu wissen, welche zu spät geliefert werden. Das sind lediglich Informationen. Sogar die Erkenntnis darüber, wann diese Bestellungen eintreffen werden, bedeutet, dass wir es mit Informationen zu tun haben. Was wir wissen müssen, ist, welche Verzögerung uns einen Schaden zufügen wird. Welche wird zu Produktionsverzögerungen führen oder dazu, dass Sendungen nicht erfolgen. Welche Artikel werden dringend benötigt, und welche erhöhen lediglich den Bestand. Erkenntnisse ermöglichen es uns, Entscheidungen zu treffen – und Maßnahmen zu ergreifen.

Ein Muss für alle Unternehmen: ein Control Tower, der prozessübergreifende Erkenntnisse liefert.

Sean Culey
Value Chain Thought Leader
www.seanculey.com